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Nachdenkliches

Es ist schon ein Kreuz mit der Elektromobilität!

1862 wurde der Verbrennungsmotor erfunden. Und – ob man es glaubt oder nicht – in den vergangenen 150 Jahren sind um genau diese Konstruktion her unüberschaubar viele Anwendungsfälle entstanden.

Von der Ariane-Rakete bis zur Kettensäge, vom Rettungshubschrauber bis hin zum Glattbahnrenner oder dem guten alten Lanz Bulldog – es gab kaum etwas „bewegendes“, was nicht durch die Kraft des Feuers betrieben werden kann.

Und genau diese Vielfalt ist in meinen Augen das Hauptproblem. Wir maßen uns gerade jetzt in diesem entscheidenden Augenblick an, eine Lösung zu finden, die allen Anwendungsfällen gerecht wird.

Der alte Grundsatz, dass Ziele S.M.A.R.T. sein sollten, wird vollständig außen vorgelassen. Dieses Ziel ist weder „Simpel“, noch „Realistisch“. O.K. – „Attraktiv“ und „Messbar“ mag es sein, Aber was 150 Jahre grundsätzliche Technik war, lässt sich sicher nicht in 15 Jahren komplett neu erfinden. Kurzum: Bezüglich des S.M.A.R.T. steht es 3:2 in einem Spiel, dass man zwingend „zu Null“ hätte gewinnen müssen. Im Grunde genommen kann man in der Situation aufhören und nach Hause fahren.

Wir dürfen also nicht darüber philosophieren, wie sich diverse Dinge elektrisch umsetzen lassen. Wir müssen immer darüber reden, wie sie CO2-neutral umgesetzt werden können.

Unabhängig davon behaupte ich jetzt einfach einmal, dass es schlichtweg keine Technologie gibt, die alles (was ein Verbrennungsmotor abdeckt) 1:1 ersetzen kann. Letztendlich wurden die Anwendungsfälle ja um die Abläufe im Brennraum herum entwickelt. Die Art und Weise, wie so ein Motor funktioniert, stellt eine Art intellektuelle Infrastruktur dar. Die Anwendungsfälle gibt es genau so in dieser Form, weil sie „um den Motor herum“ gebaut wurden.

Wir also benötigen grundsätzlich mehrere Technologien

Jede Technologie macht nur dort Sinn, wo sie sich in die Rahmenbedingungen einpasst.

Für einen Pendler, der ländlich wohnt, sich jederzeit eine Wallbox in die Garage nageln kann und jeden Morgen brav seine 15 Kilometer zur Arbeit juckelt ist ein Elektroauto eine feine Sache. Wenn der Hobel dann noch durch regenerativ erzeugten Strom geladen wird – alles Bestens. Schneller können wir den Planeten nicht retten.

Für den Anwendungsfall „25 KM/h Mofa bzw. Motorroller“ ist die Elektrifizierung hingegen schon fast alternativlos. Wir brauchen keine gedrosselten Zweitakthobel – Pedelec und E-Scooter sind den Dingern in jeder Hinsicht überlegen.

Ähnlich verhält es sich mit Werkzeugen wie z.B. Motorsägen, Heckenscheren usw. – eine elektrifizierte Stihl-Motorsäge hält jedenfalls niemand mit den bloßen Händen fest. Bitte nicht ausprobieren! 🙂

Was LKW betrifft, sieht es schon ein bisschen anders aus. Diverse Ideen und Experimente (wie z.B. Stromschienen über Autobahnen) lassen mich daran zweifeln, ob hier wirklich ernsthaft nach einer Lösung gesucht wird oder ob es sich nur um irgendwelche Showexperimente zwecks Beruhigung der Autobahnkleber handelt.

Bei der Bahn hingegen scheiden sich die Geister

Aber sie ist gleichzeitig auch das schönste Beispiel.

Hier ist die Elektrifizierung weitgehend vorangeschritten, was aber auch zu gewissen Kompromissen geführt hat.

Ich erinnere mich jedenfalls noch gut an die Zeiten, bei denen Diesellokomotiven auch bei 20 Grad unter und 30 Grad über Null zuverlässig funktioniert haben.

Inzwischen haben wir nicht nur die Technik, sondern (unbemerkt) auch unsere Prozesse und Abläufe angepasst: Die Unzuverlässigkeit diverser Schienendienstleister ist allgegenwärtiger Bestandteil unseres Lebens.

Wir sind also im wahrsten Sinne des Wortes zweigleisig gefahren. Wir haben die Technik geändert und uns an die daraus resultierenden Kompromisse gewöhnt. Zynisch, oder? 🙂

Und noch einer „oben drauf“: Weitere Punkte werden vollständig außer Acht gelassen

Wenn man noch einmal genau auf „die Verbrennergeschichte“ und deren Anwendung schaut, wird man feststellen, dass zudem Prozesse und Rahmenbedingungen gibt, die komplett ignoriert werden.

Ich kann innerhalb von 2 Minuten für knapp 1000 Kilometer Energie in mein Fahrzeug laden. Und zwar hochverfügbar neben der Autobahn genau so wie an der Automatentankstelle in Kleinkleckersdorf.

Die kurze Ladedauer führt letztendlich auch dazu, dass ich unabhängig vom Ort der Aufladung bin. Getankt wird in Kleinkleckersdorf, geparkt und gearbeitet wird im Büro und geschlafen wird zu Hause. Stehe ich 30 Minuten neben der Ladesäule, ist diese Zeit für ein ganzes Leben lang unwiderruflich „weg“.

Ich kann Energie flexibel transportieren – z.B., indem ich den Kanister „vollmache“, auf den Bauwagen stelle und den Radlader auf der Baustelle weitab jeglicher Zivilisation nach Bedarf auftanke – und zwar ohne damit 20 Kilometer weit zur nächsten Tankstelle zu juckeln. Tipp: Mit meinem Radlader würde so eine Fahrt ca. 1.5 Stunden in Anspruch nehmen.

Und was ist die Lösung? Tech-no-lo-gie-un-ab-hän-gig-keit!

Man kann es gar nicht oft genug betonen. Wir müssen „einfach nur“ von dem Anspruch herunter, in die o.g. Falle mit den 1000 Anwendungsfällen zu tappen.

Wir müssen aufhören, über eine einzelne Lösung nachzudenken, die „mal eben alle Klimaprobleme dieser Welt löst“.

Wir sollten uns bei unserem Denken nicht darauf reduzieren, wie es elektrisch geht. Wir sollten statt dessen darüber nachdenken, wie es CO2-neutral geht.

Das hilft uns nicht nur, in angemessen großen Schritten auf unser Ziel zuzugehen: Es wird zwangsläufig auch darauf hinauslaufen, dass wir niemals in Forschung und Entwicklung erlahmen.

Wer jetzt behauptet, dass elektrische Fortbewegung alternativlos ist legt einen Status Quo fest, der die Gefahr beinhaltet, uns in Zukunft genau so zu lähmen wie es die Abhängigkeiten zum Verbrennungsmotor jetzt schon tun.

Übrigens: Sooooo lange gibt es die Elektromobilität (noch) nicht und afaik hatten wir in den letzten Jahren auch keinen harten Winter. Mal gucken, ob wir in 10 Jahren mehr Erfahrungen mit dieser Technologie haben.

Just my 2C.

2 Antworten auf „Es ist schon ein Kreuz mit der Elektromobilität!“

Liest sich so wie „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“.
Das BEV ist für 95% der Anwendungsfälle eine „low hanging fruit“ und problemlos machbar. Die Leute sehen immer nur was Sie vermeidlich verlieren, und nicht das was Sie gewinnen.
Mit Verlieren meint man Ladezeit. Aber das ist Quatsch. Ich fahre fast nur Autobahn, da ich im Dunstkreis i.d.R. alles mit dem Rad mache. Laut meiner Statistik, lade ich 60% der zEit an der heimischen Wallbox oder auf der Arbeit und manchmal in einem Hotel, etc. Der Aufwand für das Alden sind 2 Sekunden,mehr nicht. Keine stinkenden Hände.ich muss nicht im kalten Wind daneben stehen. Ich gehe. Auf der Langstrecke muss ich das erste Mal nach 300-350km für 25-30 Minuten laden. Anstecken, 2 Sekunden und direkt Pause, zur Erholung der letzen 3,5 Stunden, Kaffee holen, Bio Pause, Beine vertreten, Keine Kassenschlange, keine stinkenden Hände, keine 5 Minuten im kalten Wind daneben stehen bis der Tank voll ist. Dann das nächste Mal nach 280-300km, also knapp 3, bzw. 3 Stunden. Entspannter und sicherer kann man nicht fahren.
Gewinnen tut man viel. Keine oder kaum Inspektionen, Vorklimatisierung, also kühlen und heizen, performanten Fahrspass. Keine Lebenszeit an hässlichen Tankstellen vertrödeln. One Pedal driving, nach einer Eingewöhnung will man das nicht mehr missen. Die Liste lässt sich noch beliebig fortsetzen, muss man einfach selbst erleben.

Einfach mal eine zeitlang machen und dann werden die Kommentare und Meinungen auch qualifizierter.

Ja, das ist das Problem – „die Menschen“ neigen immer dazu, nur ihren eigenen persönlichen Anwendungfall zu sehen und alles Andere auszublenden. Und die persönlichen Kompromisse haben selbstverständlich auch für alle Anderen zu passen. Das ist wie gesagt etwas zu kurz gedacht und ich denke, für derartige Grundsatzdiskussionen ist auch keine Zeit.

Jeder(!) hat das Recht, dass er mit seinen persönlichen Anforderungen gehört, betrachtet und berücksichtigt wird und wer pauschal alles aus der Wertung nimmt, was ihn persönlich nicht betrifft, der bremst damit letztendlich den Fortschritt und diskutiert nicht auf Augenhöhe.

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